08.11.2013 – Freiheit heißt nicht Freizeit

Zurück
Verfasst am: 14.11.2013

Freiheit heißt nicht Freizeit

08.11.2013 – Allgemeine Zeitung MAINZ/WIESBADEN

Von Christiane Stein

MONTESSORI In Heidesheim lernen fast 170 Kinder bis zur zehnten Klasse nach dem Konzept der Reformpädagogin

Es klingt nach Chaos pur im Klassenzimmer: Etwa 25 Kinder aus drei verschiedenen Jahrgangsstufen arbeiten an ganz unterschiedlichen Dingen. Nur wenige sitzen an ihrem Schreibtisch, auch der Fußboden und das Treppenhaus dürfen zum Ausbreiten der Materialen genutzt werden. Ein Mädchen füllt das „Tausenderbrett“ mit Perlen, drei Jungs diskutieren, ob „träumte“ ein Verb ist und deshalb mit einem großen roten Kreis markiert werden muss. Andere bringen Miniaturausgaben der Planeten in die richtige Reihenfolge. Die beiden Lehrerinnen sind da, wenn sie gefragt werden, oder wenn sie sehen, dass ein Kind Leerlauf hat und sich nicht sinnvoll beschäftigt. Denn „Freie Arbeit“ bedeutet nicht Freizeit. Hinter dem vermeintlichen Chaos steckt also durchaus System, das auf dem Grundsatz Maria Montessoris basiert: Hilf mir, es selbst zu tun.

„Die Kinder wollen lernen und wollen arbeiten. Wir als Pädagogen bereiten ihr Umfeld so vor, dass es möglichst optimal gelingt“, sagt Simona Pöse, die pädagogische Koordinatorin der Bilingualen Montessori Schule in Heidesheim. Sitzgruppen und Grünpflanzen sollen dazu beitragen, dass sich die Kinder im Klassenzimmer wohlfühlen, schließlich verbringen sie jeden Tag fast acht Stunden dort. „Dennoch ist es ein Lernraum“, sagt Pöse. Ihr ist wichtig, dass alles, was Schule betrifft, auch in der Schule geregelt wird. Das hat ganz konkrete Auswirkungen für die Schüler: Um 15 Uhr oder nach einem freiwilligen Nachmittagsangebot um 17 Uhr ist wirklich Schluss – es gibt keine Hausaufgaben. Das sei gut, sagt ein zehnjähriges Mädchen aus der vierten Klasse, fügt allerdings hinzu: „Aber man darf welche machen.“ Zum Beispiel Geschichten schreiben, was ein zehnjähriger Schüler in Heidesheim das Tollste an seiner Schule findet.

Kinder sollen entscheiden

Die Schüler sollen möglichst viel selbst entscheiden, innerhalb eines Rahmens aus für alle gültigen Regeln. Freiheit sei bei Montessori immer an Disziplin gekoppelt, sagt Pöse. Aufgabe der Pädagogen sei es, die Kinder so hinzuführen, dass sie die Freiheit nutzen könnten. Die Freie Arbeit in der Heidesheimer Montessori Schule in den Klassen eins bis sechs dauert den kompletten Vormittag, Mittagessen gibt es dann von 11.30 Uhr bis 12.30 Uhr. Wann wer am Tisch sitzt, bleibt jedem selbst überlassen. Anschließend ist eine halbe Stunde Ruhe- und Lesezeit. Ob die Kinder in einem Kunstband blättern oder eine Zeitschrift lesen, ist ihre Sache. Am Nachmittag findet dann neben der Freien Arbeit auch Fachunterricht statt: Englisch, Französisch, Musik, Kunst…

Start mit 18 Schülern

Als die Bilinguale Montessori Schule Heidesheim im August 2009 an den Start ging, hatte sie 18 Schüler. Heute sind es 168, die in der verpflichtenden Ganztagsschule – Grundschule und Realschule plus – in acht Klassen der Jahrgangsstufen eins bis neun lernen. Mittelfristig ist ein Umzug in ein neues Schulgebäude in Ingelheim geplant. Insgesamt gibt es in Rheinland-Pfalz fünf Montessori-Schulen. In Hessen sind es nach Angaben des Montessori-Verbandes zehn, darunter drei in Wiesbaden, zwei in Frankfurt und jeweils eine in Idstein und Hofheim.

Montessoris pädagogischer Ansatz verlangt viel Vertrauen – in die Schüler, in die Schule, in die Lehrer. „Das fällt nicht allen Eltern leicht“, sagt Pöse. Die seien zwar davon beeindruckt, wie Schule sein kann, stellten sich aber auch immer wieder die Frage: Lernt mein Kind genug?

Funktionieren kann das System laut Pöse nur mit gutem Personal. Lehrer, Sozialarbeiter und Diplompädagogen können eine Montessori-Ausbildung berufsbegleitend am Wochenende absolvieren. Sie dauert eineinhalb bis zwei Jahre. Anders als in Hessen, wo anerkannte Ersatzschulen Schulgeld verlangen dürfen, sieht das rheinland-pfälzische Schulgesetz diese Form der Finanzierung nicht vor. „Trotz Fördermittel durch das Land sind private Einrichtungen dennoch auf Zuwendungen und zinslose Darlehen durch die Eltern angewiesen, um die finanziellen Lücken zu schliessen, die durch einen erhöhten Betreuungsschlüssel, nicht bezuschusste Betriebskosten und Verwaltungskosten entstehen“, sagt die Geschäftsführerin der Heidesheimer Montessori Schule, Anja Israel-Horváth.

Richtig ins Schwärmen kommt die pädagogische Koordinatorin, wenn es um den Unterricht in der Sekundarstufe der Realschule plus geht. Denn hier werden aus kleinen Projekten über „Muscheln“ oder „Honig“ in den Anfangsjahren richtig große „praktische Arbeiten“, die den Wahlpflichtbereich abdecken: Eine Alpenüberquerung oder die Organisation eines Reisebüros, das für 55 Teilnehmer eine Reise in ein Feriencamp nach Spanien organisiert – und zwar nicht nur auf dem Papier. Eine andere Gruppe forschte so erfolgreich zum Thema Wetter, dass sie bei einem offiziellen Wetterkongress in Hamburg zur Abschlusspräsentation auf die große Bühne gerufen wurde. Die spezielle Form der praktischen Arbeit hat Schulleiter Lars Prignitz mit seinen Kollegen selbst entwickelt, mit dem Ziel, dass jeder seine eigenen Fähigkeiten einbringen und fördern kann. Ziel ist es, die Schüler sowohl auf eine anschließende Berufsausbildung als auch das Weiterlernen in einer gymnasialen Oberstufe vorzubereiten. Und darum geht es auch Simona Pöse: „Wir wollen den Jugendlichen helfen, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden.“ Sie bräuchten in der Pubertät etwas anderes als frontalen Unterricht. „Dass das ganze Leben auf dem Kopf steht, wird in unserem Schulsystem häufig nicht berücksichtigt“, sagte Pöse. Das neueste Projekt der Bilingualen Montessori Schule Heidesheim: Ein altes Gartengrundstück urbar zu machen.