Elternseminar "Center of Study and Work" am Beispiel der Montessori Farmschool in Schweden

Verfasst am: 29.04.2019

 

Am Abend des 11. April empfing unsere Schule eine der renommiertesten Montessori-Experten auf dem Gebiet des Erdkinderplans. Jenny Marie Höglund, AMI-Absolventin für die 2. und 3. Entwicklungsstufe, Montessori-Dozentin und Co-Gründerin der im Jahre 1994 errichteten Montessorischule „Lära för livet“ in Schweden.

Jenny Marie Höglund gilt als Koryphäe in der Montessori-Welt, gerade zu Fragestellungen der Pädagogik der 3. Entwicklungsstufe, die Maria Montessori als "Erdkinderplan" bezeichnet. Als Mitgründerin der Montessorischule "Lära för livet" in Schweden kann die charismatische Pädagogin auf rund 30 Jahre Erfahrung in der Umsetzung der Pädagogik zurückblicken und ist somit eine wertvolle Wissensquelle für die Lernbegleiter*innen, Eltern und Schüler*innen der BMS in Ingelheim. Seit diesem Schuljahr integriert auch die BMS eine Montessori-Farm als außerschulischen Lernort und ist damit Pionier in Deutschland. Pioniercharakter hatte auch das Seminar als solches, denn es war das erste Elternseminar in rein englischer Sprache, was die Bilingualität der Schule unterstreicht. 

Souverän und offen nahm Jenny Höglund die Anwesenden mit in die schwedische Farm-Welt und lies sie teilhaben an ihren Erfahrungswerten. Sie stellte direkt zu Beginn den Teilnehmern des Seminars zwei ganz unterschiedliche Mädchen - Emma und Nathalie - vor, die an ihrer Schule unterrichtet wurden, auf der Farm waren und nun beide selbstbewusst ihr Leben gestalten. Beide haben sich in das Potenzial hineinentwickelt, das sie haben. Emma entschied sich für den akademischen Weg und schreibt nun ihre Doktorarbeit. Nathalie ist sehr tierverbunden und studiert Tiermedizin. Schnell ging es in den Alltag der Farm, was die Eltern, deren Kinder auch in Aulendiebach an der Farm lernen sollen, besonders interessierte. Die Montessori-Farm in Aulendiebach - als erster außerschulischer BMS-Lernort im Sinne des Erdkinderplanes - wird seit Beginn des Schuljahres als Pilotprojekt geführt. Ab dem kommenden Schuljahr wird die Farm integrativer Bestandteil des Unterrichts einer speziellen Klasse der Sekundarstufe (Jahrgangsmischung 7-10). Wie funktioniert Unterricht an einem Bauernhof? Was haben die Schüler*innen davon, auf einem Bauernhof zu lernen? Gibt es keine "modernere" Version, um selbstwirksam zu sein? Das waren Fragen, die die Eltern beschäftigten und auf die Jenny Höglund eine Antwort wusste.

Doch zunächst etwas zur Struktur auf der Farm: Der Farm Manager lebt auf der Farm und kennt sich mit Pflanzen und Tieren aus. Er hat den Gesamtüberblick. Die House Parents, in Aulendiebach ist das Lars Prignitz mit seiner Familie, leben dort zusammen mit den Jugendlichen. Die Lernbegleiter*innen sind zusätzlich Montag bis Freitag vor Ort und unterrichten bzw. begleiten die Schüler*innen am außerschulischen Lernort - ganz im Sinne des "Study and Work".

Welche Vorteile bietet ein Leben, Lernen und Arbeiten auf der Farm? Eine der Kernbotschaften ist sicher, dass nichts gemacht wird, wenn der Mensch es nicht selbst tut. Die Jugendlichen dürfen Entscheidungen treffen in einem gesetzten Rahmen. Der Rahmen ist: Wir bauen an und wir haben Tiere. Wie das im Details aussieht, dürfen die Schüler*innen selbst entscheiden. Dann werden die Beete angelegt, gesät, pikiert, gewässert, von Schädlingen befreit und nach Wochen oder Monaten auch geerntet. Die Ernte will verarbeitet und zum Teil auch verkauft werden. Hier lernen die Kinder ganz praktisch, was es heißt, das Leben zu organisieren. Logische Konsequenzen werden von der Natur ohne Gnade zurück gespiegelt. Ein sehr gutes Lernfeld in einem sicheren gesellschaftlichen Umfeld. Wie kann man Mathematik besser in der Praxis erproben als z.B. beim Bau eines Schweinestalls, wie die Schüler*innen in Schweden bewiesen? Budgetplanung, Formulare ausfüllen für die Behörden zur Bauzulassung trainiert Zahlenverständnis und korrekte Formulierung. Aber auch logisches Verständnis, vorausschauendes Denken und der Zusammenhang von Geld und Arbeit werden trainiert. 

Bezieht sich das Lernen nur auf die Praxis in dieser Zeit? Wie wird der rheinland-pfälzische Lehrplan umgesetzt? Natürlich gibt es auch Unterricht auf der Farm. Die Alltagssprache ist Englisch und die Lernbegleiter*innen dokumentieren jederzeit welche Arbeitsschritte zu welchem Unterrichtsfach gehören. Studierzeiten sind aber genauso Teil des Alltags wie Freizeit, Kochen und Putzen. 

Gibt es keine "modernere" Version, um selbstwirksam zu sein? Jenny Höglunds klare Antwort ist: Nein! Landwirtschaft ist das, wo die Wurzeln der menschlichen Zivilisation liegen. Über Jahrhunderte haben wir Menschen vom Ackerbau und der Viehzucht gelebt. Nirgends bekommt man Rückmeldung so unmittelbar wie mit der Arbeit in und mit der Natur. Die Community (die Gemeinschaft) und das Arbeiten auf der Farm, verbindet die Jugendlichen mit dem, wo wir als Menschen herkommen und macht sie fit für die Zukunft. Sie können erfahren wer sie sind und wozu sie fähig sind. Jugendliche möchten mitarbeiten, sie möchten selbstwirksam sein und spüren, dass sie nützlich sind. Auf einem Bauernhof geht das hervorragend. Sie bekommen unmittelbare Rückmeldung von der Natur und auch von den Mitschüler*innen. Denn: Wenn der Frühstücksdienst morgens versäumt wurde, sind die Mitschüler*innen wenig erfreut... Gerade auch Menschen, die in Büchern verloren sind und an der Schule untergehen können, haben oft ein handwerkliches Geschick. Diese jungen Menschen spüren, dass sie einen wichtigen Beitrag leisten können und plötzlich um Hilfe gebeten werden. Eltern wünschen sich, dass ihre Kinder Verantwortung übernehmen, unabhängig sind und die Initiative ergreifen. Das sind Punkte, die die Kinder alle auf dem Bauernhof intrinsisch entwickeln.

Jenny Höglund sagt: „Die Kinder, die zwischen 12 und 16 Jahren die meiste Zeit auf der Farm verbracht haben, sind die, die als Erwachsene am erfolgreichsten waren. Sie kamen in der akademischen Welt wunderbar zurecht, haben das studiert, was sie interessiert hat, oder ihr eingeschlagener Weg brachte sie dahin, was sie wirklich wollten. Die Montessori-Umgebung findet eine Aufgabe für jedes Talent. Jeder ist wichtig, jeder hat Talente und man bracht jeden in der Community.“ Ein Schüler von Jenny Höglund sagte ihr zum Abschied: "Egal was in Zukunft passiert, ich bin dem gewachsen, auch den neuen Sachen. Ich kann kommunizieren.“ Heute arbeitet er mit Straßenkindern in Uganda. Jenny Höglund hat die Erfahrung gemacht, dass Kinder die nach dem Montessori-Konzept unterrichtet werden, couragiert sind, Dinge zu ändern, die geändert werden müssen und sie trauen sich, Dinge, die nicht so laufen wie sie sollten, anzusprechen. Teenager müssen üben, was es heißt, erwachsen zu sein. Der Bauernhof ist eine sehr gute Umgebung dafür und wir freuen uns, dieses Konzept nun mit der Bilingualen Montessori-Schule mit immer mehr Leben zu füllen. 

 

Bericht von Natascha Kraeh-Hoffmann